Empirische Untersuchung zum „Selbstverständnis der Piratenpartei“

Hallo liebe Leser,

im Rahmen meiner Magisterabschlussarbeit an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, führe ich eine Befragung der Mitglieder der Piratenpartei Deutschland durch. Ich habe einen Antrag an den Bundesvorstand der Piratenpartei gestellt, in welchem ich darum bat eine E-Mail mit einem Link zu meiner Umfrage an alle Parteimitglieder zu versenden. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Im Folgenden gab es neben viel positivem und konstruktivem Feedback, natürlich auch Fragen und weiteren Informationsbedarf. Aus diesem Grund habe ich einen Artikel für die Flaschenpost (Offizielle Mitgliederzeitung der PP) geschrieben, welcher am 02.04.2011 hier veröffentlicht wurde – eine Stellungnahme des Bundesvorstands ist hier zu finden. Für alle Piraten die ein Auge auf meinen Blog haben, stelle ich den Artikel zusätzlich auch hier nochmal ein. Ich hoffe, dass ich damit Fragen, die der eine oder andere haben könnte, hinreichend beantworten kann.

Mein Artikel in der Flaschenpost

Ahoi liebe Piraten, liebe Mitstreiter,

ich möchte euch in diesem Artikel über die von mir gestartete Befragung meine Motivation, Details der Befragung und deren Zielsetzung nahe bringen.

Wie alles angefangen hat… Die Gründe für meinen Antrag an den BuVo, mich bei der Umfrage zu unterstützen, haben ihren Ursprung in der Thematik der Untersuchung selbst. Deswegen möchte ich zunächst kurz darlegen, wie ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, die Mitglieder der Piratenpartei zu befragen.

Im Januar 2010 begann ich nach einem Thema für meine Magisterarbeit zu suchen. Letztendlich fiel dabei mein Interesse auf eine Untersuchung der Programmatik der Piratenpartei, verbunden mit ihren Etablierungschancen. Nach vielen Diskussionen mit Piratenkollegen und Kommilitonen kam ich aber zu der Überzeugung, dass eine realistische Perspektive für die Piratenpartei im Moment kaum ermittelbar ist; zumindest nicht in einem Maß, welches als „eindeutig zutreffend“ bezeichnet werden könnte. Es musste also ein anderes Thema gefunden werden. Meine folgenden Überlegungen kreisten daraufhin um die Idee, das Programm der Piratenpartei ausführlich zu untersuchen und per Befragung die Mitgliedermeinungen zum aktuellen Stand der Programmatik aufzuzeigen. Aber dann kam Chemnitz…

An dieses Treffen stellte ich sehr hohe Erwartungen, vor allem nach dem nicht besonders produktiven Parteitag in Bingen, der ja letztendlich fast nur Wahlen und kaum programmatische Debatten und Abstimmungen, geschweige denn Ergebnisse hervorgebracht hatte. Die Debatten in Chemnitz waren größtenteils sachlich und wurden in einer angenehmen und konstruktiven Atmosphäre geführt. Allerdings wurde mir dort eindringlich bewusst, dass gerade mal 560 Piraten dabei waren die programmatische Zukunft für die gesamte Piratenpartei zu entscheiden. Ich fragte mich: „Was ist denn eigentlich mit den anderen 11.000+ Mitgliedern?“ – Antwort: „Unbekannt!“ Dieser Gedanke brachte eine ganze Lawine an Überlegungen ins Rollen, die sich letztendlich in den Fragen meines Fragebogens niederschlugen. Chemnitz machte mir also klar, dass es eine Menge Fragen über uns gibt, auf die wir Piraten die Antwort noch nicht kennen.

Das war auch der Grund dafür, weshalb sich das Thema von einer rein programmatischen Untersuchung zu einer umfassenderen Befragung verschoben hat. Der Fragebogen ist daher in seiner finalen Version in folgende Abschnitte unterteilt: Fragen zum Engagement, zur programmatischen Entwicklung, zur innerparteilichen Demokratie, Kommunikation und Partizipation, zum Demokratieverständnis und statistischen Daten; es werden 66 Fragen gestellt, die ich in den letzten Monaten konstruiert habe. Diese Fragen spiegeln das wieder, was ich persönlich für interessant und wissenswert halte. Es sind Fragen, die ich zunächst an mich selbst, als Pirat, gestellt und dann ausdifferenziert habe, um sie anschließend der Piratenpartei vorzulegen.

Der Inhalt des Fragebogens Der erste Abschnitt der Umfrage beschäftigt sich mit dem Engagement innerhalb der Piratenpartei. Es wird gefragt, wie man auf die PP aufmerksam geworden ist, welche Gründe man hatte ihr beizutreten und wie intensiv man am Parteileben teilnimmt.

Der zweite Abschnitt stellt Fragen zur programmatischen Entwicklung der PP. Dabei werden Beurteilungen zum aktuellen Stand des Programms, vernachlässigte und bevorzugte Themenbereiche, die Entscheidung für ein Voll- oder Kernprogramm, gewünschte künftige Themen und einige Überlegungen zur Erarbeitung des Parteiprogramms abgefragt. Darüber hinaus gibt es Fragen zur Diskussionskultur sowie zu den Arbeits- und Kommunikationswegen bei der programmatischen Arbeit und Einschätzungen über den damit verbundenen Formalisierungsgrad.

Der dritte Abschnitt untersucht die Mitbestimmungsmöglichkeiten auf den verschiedenen hierarchischen Parteiebenen sowie den persönlichen Eindruck inwieweit man Einfluss auf (politische) Entscheidungen innerhalb der PP hat. Es werden dabei auch Vorschläge zur Verbesserung der Willensbildung innerhalb der Partei gemacht. Des Weiteren werden Fragen zum Grad der Hierarchie, der gemeinsamen Identität der Mitglieder, zur Zusammenarbeit (und der dafür genutzten Mittel) und zur Zufriedenheit mit dem Bundesvorstand gestellt.

Der vierte Abschnitt ist eher theoretischer Natur und fragt nach dem Demokratieverständnis der Mitglieder. Hier frage ich nach der geeignetsten Demokratieform, um den Willen eines Volkes umzusetzen sowie nach der besten Organisations- und Verhandlungsweise, um Mehrheitsverhältnisse zu organisieren. Weiterhin wird gefragt, wie die PP auf dem politischen Spektrum einzuordnen und mit welcher klassischen politischen Strömung sie am ehesten in Zusammenhang zu bringen ist. Die letzte Frage des Abschnitts geht dabei eher in die Praxis und will konkret wissen, ob Menschen, die in einem Staat leben, ohne dessen Staatsangehörigkeit zu besitzen, trotzdem an Wahlen teilnehmen dürfen.

Der letzte Abschnitt erfasst standardisierte statistische Fragen zur Person des Umfrageteilnehmers. Dabei wird nach Alter, Geschlecht, Schulabschluss, Ausbildung und dem Beschäftigungsverhältnis gefragt. Danach folgt noch eine Seite mit der Danksagung und meinen Kontaktdaten.

Ich habe mich dabei intensiv bemüht bei den Antworten zutreffende und hinreichende Möglichkeiten zur Auswahl zu stellen und möglichst nichts zu übersehen. Durch die bisher eingegangen offenen Antworten, also eure Vorschläge und Hinweise, zeichnet sich ab, dass dies bei den meisten Fragen vermutlich gelungen ist. Bei den Fragen wo dies eurer Meinung nach nicht der Fall ist, habt ihr mir wirklich gut durchdachte (und teilweise auch bewusst sehr lustige, augenzwinkernde) Antworten geschrieben, die ich selbstverständlich in meine Auswertung weitgehend miteinbeziehen werde – vielen Dank dafür!

Um zwei Beispiele zu nennen: Bei der Frage nach einem Voll- oder Kernprogramm wurde unter anderem der Wunsch nach einer weiteren Antwortmöglichkeit geäußert, nämlich einer Kombinationsantwortmöglichkeit, die ein Kernprogramm, das als solches betont wird, mit zusätzlicher Ausweitung in andere Themenbereiche anbietet. Auch wurde mehrfach noch eine weitere Auswahlmöglichkeit bei der Frage nach der Crew- oder Verbandsorganisation gewünscht –viele hätten hier gerne die Möglichkeit, eine Kombination aus beidem anzugeben oder aber ein freies Antwortfeld zur Verfügung gehabt. Solche Hinweise werden dann in der Auswertung als Ergebnis der offenen Antworten miteinbezogen und gehen daher nicht verloren. Bei allen Fragen wird dies aber aufgrund des Umfangs meiner Magisterarbeit nicht möglich sein – dies kann aber die Piratenpartei selbst, mit den Ergebnissen die ich dann übergeben werde, vornehmen. Von daher gehen all diese Ideen und Vorschläge nicht im Nirwana verloren.

Was ist das Ziel der ganzen Arbeit? Letztendlich versuche ich mit meiner Arbeit uns allen einen Einblick in die Denke der Besatzung unseres Piratenschiffs zu geben – es ist aber keine Charakter-Studie mit Persönlichkeits-Strip und Gehirnscan. Ich möchte, dass wir alle einen Eindruck, ein Gefühl von- und füreinander bekommen. Dass wir ein bisschen mehr erahnen können, was viele von uns möchten, sich wünschen, was sie kritisieren, schlecht finden und welches Demokratieverständnis in unseren Herzen schlägt. Ich glaube, dass so ein Einblick dem einen oder anderen ein paar Fragen beantworten kann, die vielleicht schon länger in seinem oder ihrem Kopf herumgespukt sind. Mir geht es nicht darum am Ende „So ist es und nicht anders!“ zu sagen oder aber die „eine große Wahrheit“ zu verkünden, denn das würde völlig an der Realität vorbeigehen. Die Ergebnisse sind lediglich ein Angebot, dessen Interpretation von jedem von euch vorgenommen werden kann – dies ganz nach eurem eigenen Ermessen. Die Arbeit die dahinter steckt haben wir alle gemeinsam geleistet, ich die Fragen, ihr die Antworten.

Abschließend und den Datenschutz betreffend möchte ich gerne nochmal auf mein Einladungsschreiben verweisen: Die Angaben, die gemacht werden, sind vollständig anonymisiert. Es ist zu keinem Zeitpunkt ersichtlich, wer welche Angaben gemacht hat. Rückschlüsse auf eure Person sind ausgeschlossen. IP-Adressen werden nicht gespeichert oder protokolliert.

Ich hoffe, dass ich allen Interessierten einen Einblick in meine Motivation, die Zielsetzung der Arbeit und die damit verbundenen Formalitäten geben konnte. Da mich eine Menge privater E-Mails zu meiner Umfrage erreicht haben, bitte ich um Nachsicht, wenn es etwas dauert bis ihr eine Antwort bekommt – es kommt aber in jedem Fall eine.

Vielen Dank für eure Zeit!

Tobias Neumann